Die vier Perspektivwechsel

Für viele waren sie der Kern des Abschlussdokumentes des Synode, das eigentlich radikal Neue: Die vier Perspektivwechsel, so wie sie auf der sechsten Vollversammlung der Synode beschlossen wurden. Im Wortlaut des Abschlussdokumentes heißt es daher: Die Synode ist von der Notwendigkeit eines Perspektivwechsels überzeugt und betrachtet ihn als wesentlich für die Zukunft der Ortskirche von Trier. Sie nimmt damit tiefer, anders und radikal wahr, dass sich das gesellschaftliche und mit ihm auch das christliche Leben in einem rasanten Wandel befinden. Im Neuen liegt eine Radikalität, die nicht dem Alten, bisher Bekannten verhaftet bleibt, sondern sich mit Mut und Weite neuen Perspektiven stellt. Damit wird das Bisherige nicht entwertet. Vielmehr wird deutlich, dass vieles nicht mehr der heutigen kirchlichen und gesellschaftlichen Situation entspricht und nicht mehr dazu beiträgt, Menschen vom Glauben zu begeistern und mit Freude Kirche Jesu Christi zu sein.

Es gilt Abschied zu nehmen. Abschiednehmen heißt einzusehen, dass etwas ans Ende gekommen ist, heißt einen Schlusspunkt zu setzen. Bewusstes und verantwortliches Abschiednehmen lässt dem Zurückgelassenen die Bedeutung, die ihm zusteht. Ein guter Abschied macht einen Neuanfang möglich. Aus dieser Wahrnehmung heraus hat die Synode vier Perspektivwechsel für die zukünftige Entwicklung der Kirche von Trier beschlossen:

Vom Einzelnen her denken

Eine Kirche, die vom Einzelnen her denkt, sucht den einzelnen Menschen in seiner Lebenswirklichkeit auf und möchte ihn darin verstehen lernen. Vom Einzelnen her denken meint eine fragende, sich interessierende, sich solidarisierende und eine zugewandte Kirche. Sie vertraut auf die Gegenwart Gottes im Leben jedes Menschen und richtet ihr Handeln an Jesus Christus aus.

So lernt die Kirche von Trier, sich an den Grundfragen der Menschen zu orientieren und sie im Lichte des Evangeliums gemeinsam mit ihnen zu deuten. Das ermöglicht, mit ihnen neu zu entdecken, wie sie die christliche Botschaft in ihrem Leben wiederfinden.

Dabei blickt die Synode zum einen auf die Vorteile der Individualisierung in der Gesellschaft, zum Beispiel die Zunahme individueller Freiheit, das Mehr an Wahlmöglichkeiten, die Pluralität der Lebensentwürfe. Zugleich stellt sich die Synode der Frage, wie mit der negativen Seite der Individualisierung umzugehen ist, etwa dem Verlust menschlicher Würde, der Vereinzelung und Vereinsamung, der Konkurrenz um Lebenschancen, dem Wegfall schützender Gemeinschaft und dem Rückgang bzw. Verlust christlicher Gemeinschaft.

Wenn die Kirche von Trier vom Einzelnen her denken will, wird sie besonders die Begegnung mit den verwundeten, an den Rand gedrängten, armen, benachteiligten Menschen suchen. Was braucht es, damit sie Lebensfülle erfahren? Wie können Vergemeinschaftungsformen aussehen, die Solidarität stiften? Wie kann die Kirche solidarisch Anwaltschaft für sie übernehmen?

Mit dem Perspektivwechsel Vom Einzelnen her denken meint die Synode ausdrücklich nicht, dass alles willkürlich und das Evangelium beliebig wird. Sie rät aber genau so ausdrücklich, dass Kirche sich zum Einzelnen und zur Einzelnen hinwendet, ohne ihn oder sie bevormunden oder uniformieren zu wollen. „Es geht nicht um den abstrakten Menschen, sondern um den realen, den konkreten und geschichtlichen Menschen. Jeder einzelne Mensch ist gemeint; denn jeder ist vom Geheimnis der Erlösung betroffen, mit jedem ist Christus für immer durch dieses Geheimnis verbunden.“

Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen

Mit Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen meint die Synode, dass die Gaben, mit denen Gottes Geist die Getauften ausstattet, im Leben der Kirche von Trier zur Geltung kommen sollen. Es geht also um die Einzelnen, die sich mit dem in die Gestaltung der Kirche einbringen wollen, was der Geist ihnen jeweils schenkt. Charismen sind an den Kriterien zu erkennen, ob und wie sie zum Aufbau christlicher Gemeinschaft in dieser Gesellschaft beitragen, wie sie tätige Nächstenliebe verwirklichen helfen, wie durch sie Gottesdienste inspiriert werden und wie mit ihnen das Evangelium weitergesagt werden kann.

Dabei bleibt der Zusammenhang von Aufgaben und Charismen im Blick. Fast alle Aufgaben in Kirche und Gemeinde verweisen auf Befähigungen und Kenntnisse, die in einem engen Zusammenhang mit entsprechenden Charismen stehen, und fordern diese heraus. Ausdrücklich befreit der Perspektivwechsel Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen nicht von einer sinnvollen Aufgabenorientierung. Die Kirche will bestimmte Aufgaben erfüllen, weil sie zu ihrem Auftrag gehören und weil sie dabei auf die Geistesgaben Gottes vertrauen kann. Die Synode beobachtet aber auch, dass die gewohnten Strukturen des kirchlichen Lebens manches Charisma behindern und verhindern. Die Aufmerksamkeit für das Wirken des Geistes stumpft in den Gewohnheiten des pastoralen Alltags allzu oft ab. Die Synode ist überzeugt, dass die Gläubigen sich aufgrund ihrer eigenen Charismen sowohl in den jeweils passenden Aufgabenfeldern einbringen wollen, als auch neue Tätigkeiten entdecken, wenn sie sich ihrer Gaben bewusst werden.

Charismen stärker in den Blick zu nehmen regt auch dazu an, eine Atmosphäre zu wecken, in der geistliche Berufungen wachsen können, in der Menschen eine Berufung zum geistlichen Dienst als Priester oder Diakon, zu einem pastoralen Beruf oder zu einem Leben der evangelischen Räte in einem Orden oder Säkularinstitut wahrnehmen und sich nach entsprechender Prüfung dafür entscheiden können.

Weite pastorale Räume einrichten

Der Perspektivwechsel Weite pastorale Räume einrichten und netzwerkartige Kooperationsformen verankern beschreibt, was die beiden ersten Perspektivwechsel für die Pfarrei bedeuten. „Innerhalb eines bestimmten Territoriums richtet sich der Blick nun auf das vielfältige Leben der Gläubigen und ihrer Vergemeinschaftungsformen in diesem Territorium. Die so verstandene Pfarrei wird sich immer mehr zu einer Gemeinschaft von Gemeinschaften entwickeln und verschiedene Orte kirchlichen Lebens hervorbringen.“ Damit dies gelingt, bedarf es neuer und größerer pfarrlicher Territorien. In ihnen sollen die pastoralen Teams, die Ehrenamtlichen und die Verantwortlichen für die vorhandenen kirchlichen Einrichtungen netzwerkartig kooperieren.

Dieser Perspektivwechsel erfordert, einen deutlichen inhaltlichen und strukturellen Einschnitt zu setzen. Er ermutigt, in den sich verknappenden materiellen und personellen Ressourcen auch Chancen zu entdecken, das Verhältnis von Nähe und Weite neu zu bestimmen und in den Sozialräumen der Menschen aktiv Gemeinde und Kirche zu bilden. Der Perspektivwechsel regt auch an, die lokale Kirchenentwicklung neu anzugehen.

Das synodale Prinzip bistumsweit leben

Die Synode hat die Kirche von Trier bereits verändert. Laien, Priester, Diakone und Ordensleute, Hauptamtliche und Ehrenamtliche sehen, hören und beraten gemeinsam in einer neuen Qualität. Diese positiven Erfahrungen sollen durch das synodale Prinzip weitergetragen werden, das künftig die Kirche im Bistum Trier auf allen Ebenen prägen soll.

Der Perspektivwechsel Das synodale Prinzip bistumsweit leben bedeutet, dass die als hierarchische Gemeinschaft verfasste Kirche anerkennt und lebt, auf Dialog, Austausch und Beratung angewiesen zu sein. Denn im Hören aufeinander wird auch die Stimme des Heiligen Geistes deutlicher erkennbar. So geschieht vom Geist getragene gemeinsame Entscheidungsfindung, Mitverantwortung und Mitbestimmung. Das synodale Prinzip bistumsweit leben bedeutet, dass alle Gläubigen aufeinander hören und sich aufeinander einlassen. Auf diese Weise werden alle zu Akteuren und Mitgestaltern. Dies entspricht dem alten römischen Rechtsgrundsatz, wonach das, was alle angeht, von allen besprochen werden muss.